Der in Celle geborene Dichter Ernst Schulze starb hier 1817 mit nur 28 Jahren. Im 19. Jahrhundert war er einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller. 200 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 2017, hat die Ernst-Schulze-Gesellschaft ihn mit einer Reihe öffentlicher Veranstaltungen gefeiert, um sein Werk wieder bekannter zu machen. Besonderes Ziel war es dabei, junge Leute zu erreichen. Das Interesse für das Angebot war groß, und die Veranstaltungen waren gut besucht. Berichte und Bilder finden Sie hier auf der Seite „ARCHIV“.

 

Dem Dichter Ernst Schulze wird sich die Ernst-Schulze-Gesellschaft weiterhin widmen. Daneben will sie sich in Veranstaltungen auch mit anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern befassen, die einen näheren Bezug zur Region Celle haben. Das Logo hat deshalb die Ergänzung bekommen „Literatur in Celle“.

Kulturpreis der Stadt Celle 2018

Nach sehr langer Pause hat der Rat der Stadt Celle entschieden, wieder einen Kulturpreis zu vergeben.

Der Rat hat Elke und Lothar Haas den Preis zuerkannt.

 

Er wurde als nicht dotierter Ehrenpreis

am 7. Dezember 2018 im Rahmen des Bürgerempfangs in der Congress Union von Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge öffentlich übergeben.

 

Zuvor hatten Elke und Lothar Haas sich im Alten Rathaus ins Goldene Buch der Stadt eintragen dürfen; hier nahmen neben Vertretern der Kommunalpolitik auch einige Vertreter der Organisationen teil, in denen Elke und Lothar Haas im Sinne von Literatur und Kultur tätig sind und waren.

Beim Bürgerempfang hielt Stadträtin Susanne McDowell die Laudatio. In der Begründung des Rates hatte es u.a. geheißen:


Dres. Haas holen vergessene Schätze der Heimatliteratur aus der Versenkung und verstehen es, diese für die Gegenwart aufzubereiten und für die Celler Bevölkerung interessant zu machen. Sie widmen sich seit Jahrzehnten insbesondere Literatur-Projekten für Jugendliche, die der Leseförderung dienen (Initiierung und jahrzehntelange Organisation der „Jugendbuchwoche“; Projekte „Buchstart“, „Lese-Experten“, „Märchenwerkstatt“ u. a.).

Darüber hinaus arrangieren sie Dichterlesungen für Menschen, die oft keine Beziehung zum Schatz der Literatur haben.


Zudem ist eine ausgeprägte Identifikation mit der Celler Stadtgesellschaft und ihrem Kulturleben feststellbar, für das sie als Vorstands- bzw. Gründungsmitglieder der Bibliotheksgesellschaft, der Ernst-Schulze-Gesellschaft und der Bürgerstiftung Celle nachhaltige Impulse gesetzt haben.

 

Elke und Lothar Haas nannten es außerordentlich positiv, dass die Stadt entschieden habe, nach langer Pause wieder einen Kulturpreis zu vergeben. Celle erkenne damit an, welch hohe Bedeutung die Kultur für jede Gemeinschaft hat, auch für jede Kommune. Sie dankten allen Verantwortlichen für den Preis, auch für die Ehre, sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen zu dürfen. Es sei aber zu fragen, warum der Preis gerade ihnen zuerkannt worden sei. Lothar Haas: So viele Menschen in unserer Stadt bemühen sich ehrenamtlich um Literatur, um bildende Kunst und Musik, um Kultur. All dieses Wirken ist vielfach preiswürdig. Warum gerade wir ?


Wir beide können den Preis nur stellvertretend annehmen für alle, mit denen wir zusammenwirken und gemeinsam gearbeitet haben in der Ernst Schulze-Gesellschaft, im Arbeitskreis Celler Jugendbuchwoche, in der Bibliotheksgesellschaft Celle, in der Bibliotheksgesellschaft Niedersachsen und in der Bürgerstiftung Celle, schließlich auch stellvertretend für alle Menschen und Institutionen, die diese Arbeit mit kleinen und großen Spenden und in sonstiger Weise unterstützen. Sie alle rechnen wir zu den Preisträgern.

Elke Haas begründete, warum es Sinn mache, sich gerade für Literatur und Leseförderung einzusetzen:


Kultur, besonders auch der Literatur wird Wirksamkeit zugesprochen.
• Sie erfreut, vergnügt durch gedankliche Präzisierung wie sprachliche Schönheit.
• Sie verbindet, stärkt den sozialen Zusammenhalt.
• Sie trägt zum Gefühl der Identität mit einem Ort bei.
Beweise? Kommen Sie in Gedanken mit in unseren Dichterraum Celle!
Dort stehen Zitate an der Wand, z.B.:


„Schon die Namen der Straßen allein haben Sang und Klang, Form und Farbe. Blumlage und Fritzenwiese, wie das klingt, Stechbahn und Bohlenberg, wie das singt“.
Sie kennen den Autor: Hermann Löns.
Ein zweites Zitat:
„Die Welt ist mein Vaterland und alle Menschen sind ein Volk, – und durch eine allgemeine Sprache vereint.“
Der Vater dieses Dichters war Pächter des Celler Ratskellers, er selbst wurde das große Vorbild Schillers und anderer! Sein Name: Johann Anton Leisewitz!
Und noch ein drittes Zitat, diesmal vom größten Celler Dichter Ernst Schulze:
„Nur toten Glanz kann Macht und Reichtum zeigen;
Das Leben ist allein dem Sänger eigen.“


Nicht nur die älteren Dichter haben für Celle und weit darüber hinaus etwas zu sagen. Was wären wir jetzt ohne Hans Pleschinski, Tobias Premper, Oskar Ansull, Susanne Fischer, Bernd Rauschenbach? Also ruft Arno Schmidt uns, den älteren wie den jungen Leuten zu:
„Ich will wie eine Fackel durch die Städte rennen: lest doch! Lest doch!“

 

Alle Anwesenden des Bürgerempfangs konnten sich eine Gedichtkarte mit Ernst Schulzes „Celle“ mitnehmen. Das handschriftliche Original wird im Celler Stadtarchiv aufbewahrt. Dem Oberbürgermeister überreichten Elke und Lothar Haas ein Exemplar der Jahresgabe der Ernst-Schulze-Gesellschaft, auf der dieses Gedicht als Faksimile der Handschrift wiedergegeben ist sowie eine farbige Grafik mit dem Titel „Der Dichter im Baum“, geschaffen im Jubiläumsjahr 2017 von Friederike Witt-Schiedung.
Alles in allem: Eine erfreuliche Gelegenheit, für Literatur zu werben!

 

www.celler-presse.de

In Erinnerung gebracht:


Der Dichter Kurt Rose

 

Eine große Zuhörerschaft zu begeistern ist ein Meisterstück. Thilo Liebscher gelang es, als er den Dichter Kurt Rose, der von 1973 bis 1999 in Celle gelebt hat, zu Wort kommen ließ. Auf Einladung der Ernst-Schulze-Gesellschaft hatten sich im Kanzlei-Café, im Dichterraum Celle,  zahlreiche Literaturfreunde eingefunden, darunter Freunde Kurt Roses, auch eine seiner Töchter. Thilo Liebscher skizzierte das reiche Leben des Dichters: 1908 in Bernburg a. d. Saale geboren, ein kurzes Studium, Hauslehrer, Zimmermann in der Türkei und in Spanien, Heirat mit Margarete, in Nazi-Deutschland will er nicht Lehrer sein, deshalb reist er nach Finnland, übersetzt dort das Nationalepos „Kalevala“, was ihn prägt.


Im II. Weltkrieg ist er Soldat, nach dem Krieg schließt er seine Lehrerausbildung ab, unterrichtet an Schulen, arbeitet in Verlagen, wird im Ruhestand schließlich in Celle ansässig. Er schreibt Erzählungen für Jugendliche, Romane für Jung und Alt, Theaterstücke – in Celle z. B. mit großem Erfolg vom Intendanten Eberhard Johow aufgeführt –, Rose verfasst Lehrbücher, er übersetzt aus anderen Sprachen, am Ende seines Lebens sogar aus dem Chinesischen, er engagiert sich für soziale Projekte hierzulande wie in Afrika, vor allem schreibt er Gedichte, die auch rasch Komponisten finden – in Celle singt die Stadtkantorei die von Götz Wiese vertonten Verse, im Evangelischen Gesangbuch findet man sieben Lieder von Kurt Rose.
Thilo Liebscher beschreibt Kurt Rose, als einen aufrechten, zugewandten Menschen, seine Frau Margarete als inspirierend, beide mit weitem Horizont und lebenslangem Engagement für Menschenwürde. Zu seiner Religiosität habe der Dichter nicht zuletzt durch die bittersten Kriegserfahrungen gefunden.
Thilo Liebscher verdeutlichte die Vielschichtigkeit des Werks von Kurt Rose durch einfühlsame Rezitation. Er las Abschnitte aus drei Erzählungen: aus dem Jugendroman „Die Brigg Anke Groot“ (1943), aus „Christines neues Leben“, einer Geschichte eines traumatisierten Flüchtlingsmädchens, (1949) und aus dem Roman „Der Sohn des Admirals“ – William Penn – (1991), wohl dem erfolgreichsten Buch des Autors. Es handelt von der Gründung des Staates Pennsylvanias im Jahr 1683, die durch Toleranz und Respekt vor den indianischen Ureinwohnern gekennzeichnet erscheint. Der indianische Häuptling richtet in dem Roman an die europäischen Glaubensflüchtlingen, die Quäker, den Satz: „Ihr und wir sind Geschöpfe eines Gottes, Kinder desselben Vaters.“
Auch in der Lyrik Roses findet sich, so Liebscher, eine Lebenshaltung wieder, die drei Perspektiven zugleich umfasst: die Auseinandersetzung mit dem realen, von Geschichte und Politik bestimmten Leben, zugleich der individuelle Weg ins Innere und schließlich ein christliches Glaubensbekenntnis, das sperrig und ehrlich ist. Im Lied „Ich gehöre dazu“ (Nr. 599 im Evangelischen Gesangbuch) heißt es z.B. im bitteren Selbstbekenntnis: „und ich schrei mit dem Volk, / ich bin blind mit den Blinden, / nicht erkenn ich die Zeichen / in dem Menschengesicht.“
Im Erzählwerk „Winterarbeit“ (1997) versammelten Kurt Rose und mit ihm seine Frau Margarete Briefe, Essays, Gedichte „auf der Suche nach einem zeitgemäßen Gottesbild“. Mit einem positiven Lebensgefühl befragen sie sich, ihre Zeitgenossen wie auch uns Leser heute, was Wert hat und bleiben muss. Den kleinen Dialog „Über den Nutzen von Gedichten“ sollte wohl jedermann kennen: Beim Lesen von Versen würden „die Geschwindigkeit der Dinge, des Geschehens, die Ruhelosigkeit des Lebens“ „abgebremst“.
Zum Abschluss gab es noch eine musikalische Erinnerung an Kurt Rose. Klaus Engling erzählte vom gemeinsamen Singen und Musizieren in „Gruppenstunden“ mit dem alt gewordenen Lyriker im Johanniterheim in Celle. Rose habe allen Pflegekräften ein Gedicht gewidmet, das alsbald zu einem Lied wurde. Klaus Engling sang es zur Gitarre: „Gib, Gott, besondern Segen denen, / die dann und irgendwann / ein Stündchen Zeit mir schenken, / zu plaudern und zu lachen.“

Lesung Susanne Fischer:


Lebendige Literatur – sprudelnde Satire

Susanne Fischer aus Hohne ist seit Kurzem Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und hat jetzt auch im „Dichterraum Celle“ ihren verdienten Platz. Zu ihrer Lesung, die die Ernst-Schulze-Gesellschaft im Kanzlei-Café veranstaltete, war eine große Zuhörerschaft gekommen, und die Begeisterung wuchs mit jedem vorgetragenen Text.


Der in diesem Jahr erschienene Roman „Wolkenkönigin“, ihr zehnter, bildete den Auftakt. Er spielt in einer Kleinstadt, in der es „bessere“ Wohnviertel gibt und übel beleumundete, z.B. das Bahnhofsviertel, „Kanakennest“ genannt, in dem angeblich nur gescheiterte Existenzen und Türken wohnen. Die Ich-Erzählerin ist die 15jährige Corinna. Sie hat einen kleinen behinderten Bruder, ihre alleinerziehende Mutter bekommt ihr Leben nicht in den Griff. Aus Geldnot muss die Familie wieder einmal umziehen, ins Bahnhofsviertel. Und das bedeutet erneut einen Schulwechsel für Corinna. Sehr feinfühlig arbeitet Susanne Fischer heraus, und in ihrem Vortrag wurden alle Nuancen verdeutlicht, wie sich Corinna gegen soziale Vorurteile in ihrer alten Schule gewehrt hat und nun gleich wieder von Ich-Bezogenheit, von Status-Kämpfen, auch Liebesbeziehungen in ihrer neuen Klasse überrollt zu werden droht. Sie ist allein, keine starke Kämpferin, legt sich aber einen anderen Vornamen zu, um sich selbst einen Neubeginn zu verschaffen. Im neuen Wohnhaus begegnet sie dem sympathischen Jungen Marc, aber auch er hat viele Probleme auf den Schultern. Die Romanhandlung nähert sich einem Krimi, erhellend für Jung und Alt durch vielfältige psychologische wie soziale Nahaufnahmen von Erwachsenen wie Jugendlichen.


Im zweiten Teil der Lesung stellte Susanne Fischer eine Reihe der satirischen Kolumnen vor, die sie seit 1995 auf der Satireseite der taz, »Die Wahrheit«, veröffentlicht. Sie nutzt dabei alle Freiheiten für Reduktion und sich steigernde Reihungen. Aber: Alle Inhalte sind selbst erfahren, hier und heute, „alle Zitate sind echt“. Da ist z.B. die Erfahrung mit den angeblich die Umwelt schonenden Pappbechern für den „Kaffee to go“, die die Autorin mit ihrem Bambusbecher noch steigern möchte, aber an der Verkäuferin scheitert, die den Kaffee erst in einen Pappbecher abfüllt, der dann natürlich sofort entsorgt wird. Da ist auch die satirische Beschreibung vom „Kaffeeklatsch mit Super-Maschmeyer“, seiner „Protzvilla“ und den Verlautbarungen der immer schönen 50jährigen Ehefrau Veronika Ferres. Oder auch die Darstellung der Wettbewerbsmodalitäten für den „Grünkohl-König“ der Freiwilligen Feuerwehr: „Man muss nur so viel essen, wie reinpasst. Vor und nach dem Essen muss man sich öffentlich wiegen lassen.“ Die Autorin berichtet exakt, der Sieger habe 2,4 Kilo in anderthalb Stunden geschafft. Frauen sähen von der Teilnahme ab. Auf Teneriffa, so erfahren die Kolumnen-Leser, sieht man nach Jahrzehnten immer noch viele englische Männer mit Tätowierungen über und über, viele mit Olivenöl bekleckerte Kleidungsstücke, aber „Milchkaffee“ heißt jetzt „Latte“ und „danke“ wird mit „Do nich füer!“ entgegengenommen.
Die Zuhörer applaudierten begeistert. Für die Ernst-Schulze-Gesellschaft dankte Lothar Haas so: „Die Wahrheit kann höchst vergnüglich sein! Wir freuen uns auf das Buch mit den satirischen Kolumnen, das im nächsten Jahr erscheinen soll!“

Wiederbegegnung mit Hans Fallada

 

Die Ernst-Schulze-Gesellschaft hatte aus Anlass des 125. Geburtstags des Dichters ins Kanzleicafé eingeladen. Günther Goldammer las und viele, viele Zuhörer waren gekommen. Kein Stuhl blieb unbesetzt.
Das Zitat Falladas an der Wand im dortigen „Dichterraum Celle“ lautet: „Ich hätte nie gedacht, dass Romane so sein könnten! Stücke aus dem Leben nämlich, wirkliches Leben (…)“ Und genau so erlebte das Publikum den Vortrag von vier sehr gut ausgewählten Texten: Zuerst „Der Gänsemord von Tütz“, eine Erzählung aus den 30er Jahren, die die Zwänge der feudalen Gesellschaft auf dem Lande aufs Korn nimmt.
Es folgte ein Auszug aus dem berühmten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ (1946), der die Ohnmacht, aber auch moralische Größe des Einzelnen in Hitlers Krieg konkretisiert, und schließlich die wunderbar vielschichtigen Beschreibungen zu Celle und zur eigenen Familie, dargestellt aus der Perspektive von Kindern: „Kaffeetrinken an der Aller“ (1941) und „Lieschens Sieg“ (aus einem Brief).
Günther Goldammer rezitierte nicht nur, in einem großen Rahmen charakterisierte er das höchst problematische Leben des Dichters, indem er die wichtigsten Stationen aufzeigte: Der Sehnsucht nach Liebe, nach einem erfüllten Leben auf dem Land, nach einer Idylle standen Drogensucht, Kriminalität, Selbstmordabsicht, Tötung des Schulfreunds im abgesprochenen Duell mit aufeinander folgenden Aufenthalten in der Psychiatrie und im Zuchthaus gegenüber.
Dem großen Erzähler gelang aber auch der Welterfolg mit dem Roman „Kleiner Mann – was nun?“, der ihm ein goldenes Jahrzehnt mit seiner Frau Suse auf dem eigenen Gut Carwitz ermöglichte. Goldammer unterstrich: „ Falladas Abstürze sind denen des Ikarus vergleichbar. Er war ein Autor der Maßlosigkeit. Das Weiterlesen lohnt auf jeden Fall!“ Und dem stimmte sein Publikum zu, dankbar für diese Wiederbegegnung. Ein Tip: „Der Trinker“.

Lesung Tobias Premper:
Mit der Literatur-Lupe sehen lernen

 

„Ich fänd’s schön, wenn wir uns mal wieder treffen könnten“, sagte die Frau, die Frida hieß, und ging an den Gräbern vorüber nach Hause.“ Mit diesem Schluss der „Miniatur“ „Fünf Frauen“ endete die jüngste Lesung von Tobias Premper in der Galerie Dr. Jochim. Und vermittelte Tatsachenbeschreibung wie Textqualität in einem.


Viele Leserinnen und Leser waren gekommen, um den aus Celle stammenden Autor wieder zu hören, neugierig gemachte Literatur-Enthusiasten waren gefolgt. Denn die „Miniaturen“ Tobias Prempers beschreiben aufs genaueste Selbstbeobachtungen, Nöte, Fluchtversuche, Träume der Menschen. Sie ermöglichen Erschrecken und Lachen, fordern immer zum Innehalten auf.


Lothar Haas begrüßte als Vorsitzender der Ernst-Schulze-Gesellschaft und spannte dabei einen Bogen von dem vor 200 Jahren verstorbenen Ernst Schulze zu Tobias Premper: zwei Dichter aus Celle, die beide im Dichterraum Celle im Kanzlei-Café gewürdigt werden. Haas konnte auch daran erinnern, dass Premper 2017 mit einem skurrilen witzig-ironischen Text als Hommage Schulze geehrt hatte.


Tobias Premper stellte in seiner Lesung zunächst acht „Miniaturen“ aus seinem jüngsten Buch vor: „Ich war klein, dann wuchs ich und war größer“. Darunter waren drei, die „bestimmt nicht in Celle, sondern in Hannover“ ihren Ort hätten, so beruhigt er die Zuhörer. In den „Aristokraten“ stopft ein „Mann mit Hut“ eine Familie mit vier Übergewichtigen, die sich offensichtlich von und in einer Mülltonne etwas erhoffen, in die Tonne und schlägt den Deckel zu. In der grotesken Kurzerzählung „Anleitung, wie mit einem Tyrannen umzugehen ist“ bespritzt ein „schlaksiger Mann“ den „Tyrannen“ mit „Senf und Ketchup“ und verschwindet „im Getümmel lachender Menschen“. Zum Nachsinnen wohl sehr zu empfehlen!


Zum Vergnügen seines Publikums las Premper auch einige Kurzgeschichten aus zwei seiner weiteren Bücher, die ebenfalls im renommierten Steidl-Verlag erschienen sind: „Durch Bäume hindurch“ und „Mississippi Orangeneis Blues“. Und nicht nur das, er rezitierte auch Geschichten, die es noch nicht in einem Buch nachzulesen gibt, so die Miniatur „Der Reiher“. Sie handelt von einem Vogel, der einen Fisch fängt und ihn vor den Augen eines seinen Kaffee trinkenden Beobachters zu zerteilen versucht. Die vergeblichen Hackkünste des Vogels, der den Fisch schließlich liegen lässt, lösen im Ich etwas aus: „Nachdem ich bezahlt hatte, stand ich auf und versuchte mich ganz normal zu verhalten. Ich scheiterte kläglich.“


Die Lesung fand im Direktorenhaus statt, ehemals Magnushütte, einem Haesler-Bau. Der klare Raum korrespondierte in eigener Weise mit der gebotenen skurril-klärenden Literatur und trug zu einer sehr konzentrierten Atmosphäre bei. Die Ernst-Schulze-Gesellschaft wie das Publikum dankten herzlich.

Die Prinzessin von Zelle

Ungewöhnliches wurde im Celler Kreistagssaal geboten. Nicht Kommunalpolitik wurde diskutiert, es wurde ein Schauspiel vorgestellt, das nie geschrieben wurde. Vor mehr als 200 Jahren hatte Friedrich Schiller in seinem letzten Lebensjahr geplant, ein Drama zu verfassen mit dem Titel „Die Prinzessin von Zelle“. Dem Dichter der Klassik gelang es nicht mehr, dieses Stück zu schreiben. 1805 starb der Schwerkranke. Auf seinem Schreibtisch lagen etliche Blätter, auf denen er den Verlauf der Handlung skizziert hatte, auch mit mehreren Varianten. Welche Gedanken er mit dem Schauspiel vermitteln wollte, hatte Schiller dabei durchaus formuliert. Doch Monologe, Dialoge, Szenen für das Stück hatte er noch nicht einmal zu schreiben begonnen.
Die Ernst-Schulze-Gesellschaft hat nun dieses ungeschriebene Drama im voll besetzten Kreistagssaal dem Celler Publikum vermittelt. Aufgeführt werden konnte es ja nicht, weil Schiller keinen Dialog mehr zu Papier gebracht hat. Da das geplante Stück sich auf das Schicksal der Sophie Dorothea (1666 - 1726) beziehen sollte, die auch als „Prinzessin von Ahlden“ bekannt ist, wurde zu Beginn diese historische Person in ihrem Umfeld geschildert. Uwe Winnacker trat als Kavalier vom Celler Hof auf, in einem Kostüm vom Ende des 17. Jahrhunderts, und erzählte voll Vergnügen und mit feiner Ironie von dieser Tochter des letzten Celler Herzogs und der Eleonore d’Olbreuse, von ihrer Jugend in Celle, von ihrer Verheiratung mit dem Sohn des hannoverschen Herzogs, der schwierigen Ehe, von der Verachtung, die sie wegen der nicht ebenbürtigen Abkunft ihrer Mutter erfuhr, von ihrer Affäre mit dem Grafen Königsmarck, der Scheidung und der dreißigjährigen Verbannung nach Ahlden.
Anschließend berichtete Dr. Elke Haas davon, wie es Schiller in seiner Jugend als Sohn eines einfachen Offiziers an der Karlsschule ergangen war, welche Erniedrigungen er im Vergleich zu seinen adligen Mitschülern zu ertragen hatte und wie er einerseits mit seinen großen Dichtungen deutschlandweit Anerkennung fand, andererseits aber als Bürgerlicher selbst am Weimarer Hof gegenüber Adligen zurückgesetzt wurde. In Erinnerung brachte Haas dem Publikum auch, wie Schiller darunter litt, dass seine Frau, selbst von adliger Geburt, nach der Heirat mit ihm, dem Bürgerlichen, nicht mehr bei Hofe verkehren durfte, was sich erst änderte, als er 1802 vom Kaiser geadelt worden war.
Elke Haas arbeitete in ihrem lebendigen Vortrag heraus, wie Schiller die Sophie Dorothea als Prototyp einer Erniedrigten verstand. Er habe nicht die Realität der historischen Person Sophie Dorothea mit der Affäre Königsmarck nachbilden, sondern eine literarische Figur gestalten wollen, die sich schließlich frei entscheidet und sich von den Niedrigkeiten löst. Haas verwies auf eine Äußerung Schillers gegenüber Goethe, sobald es auf etwas rein Menschliches ankomme, sollten Geburt und Stand in ihre „völlige Nullität zurückgewiesen“ werden. Schiller habe sich gegen das Unrecht wenden und damit viele Menschen erreichen wollen.
Warum dieses Ziel gerade mit einem Theaterstück habe erreicht werden sollen, begründete Elke Haas mit Schillers Überzeugung: „Kultur heilt.“ Auf dem Theater könnten Menschen alle Emotionen unmittelbar erleben und miteinander teilen. Dafür sei eine kunstvolle Sprache in getakteten Versen notwendig. Nur so hafte das Gesagte positiv im Gedächtnis.
Unterbrochen und unterstrichen wurde dies durch eine Reihe längerer Zitate von Schiller und anderen, die drei Schülerinnen des Gymnasiums Ernestinum engagiert und mit Nachdruck vortrugen, Jacqueline McDonald, Josephine Hilpert und Jule Petersen.
Nach all dieser Vorbereitung kam dann der Originaltext des Schillerschen Dramenplans zur Geltung. Hermann Wiedenroth las zwei der vom Dichter hinterlassenen Varianten mit großer Souveränität und so einfühlsam, dass es auch bei schwierigen Passagen leicht fiel, Schillers Gedanken zu folgen. Von einem Zuhörer kam später die Äußerung, er habe mit geschlossenen Augen gelauscht. So konnte Wiedenroth die Überzeugung vermitteln, dass aus diesem Plan ein großes Theaterstück hätte werden können.
Abgerundet wurde die Veranstaltung mit dem von Jule Petersen vorgetragenen Bericht eines Studenten aus dem Jahr 1803 über eine Huldigung an Schiller: Er und seine Freunde suchten ihn in Bad Lauchstädt in seiner Wohnung auf, überredeten den schon zu Bett Gegangenen, zu ihrem Fest mitzukommen, halfen ihm in die Kleider und brachten ihn im Triumph zum Festsaal, wo er mit Jubel und dem Lied „Freude, schöner Götterfunke“ begrüßt wurde, seinen Versen in der Vertonung von Beethoven.
Für manche kann diese Veranstaltung wohl ein Anstoß gewesen sein, mal wieder im Schiller zu lesen.

"Im Frühjahr 2017 hatten wir auf dem Grundstück des Landkreises, dicht an der Straße, die Ernst-Schulze-Säule aufgestellt, als „Literaturausstellung an der Straße“, auch mit Ankündigungen der Veranstaltungen. Zum Ende des Jubiläumsjahres haben wir – wie vorher abgesprochen – die Säule dem Landkreis übertragen.

Mittlerweile hat sie einen anderen Standort bekommen: im Zentrum des Grundstücks des Landkreises, an dem Weg zum Kreistagssaal, und sie ist neu beklebt worden. Oben findet sich weiterhin der Name Ernst Schulze mit den Lebensdaten. Die Hauptfläche der Säule wird vom Kopf Ernst Schulzes bestimmt, und der Bereich darunter steht der Ernst-Schulze-Gesellschaft für Informationen zur Verfügung. Etwa zwei Drittel der Gesamtfläche will der Landkreis zur Ankündigung von Kulturveranstaltungen nutzen."

"Vom 21. April bis 19. Mai war in der galerie dr.jochim eine Ausstellung

mit Entwürfen für ein Ernst-Schulze-Forum in Celle geplant. Leider kann

diese Ausstellung jetzt nicht stattfinden, weil die Leibniz Universität

Hannover ihren unverzichtbaren Beitrag aus zwingenden, unvorhersehbaren

Gründen gegenwärtig nicht erbringen kann. Wir planen, die Ausstellung zu

einem späteren Zeitpunkt nachzuholen."

 

Impressum

Ernst-Schulze-Gesellschaft

c/o Dr. Lothar Haas

Breitscheidstraße 16

29223 Celle

Tel.: 05141 - 51925

eMail-Adresse:

ernst-schulze-gesellschaft@gmx.de

 

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